Ob es wichtiger sei, dass ihr Sohn ein guter oder ein gescheiter Mensch werde, hört der 13-jährige Johann seine Eltern einmal diskutieren, als er sie beim Sex belauscht. Ein guter, hofft der Vater, der selbst im Krieg war und aus dessen spärlichen Erzählungen der Sohn schliesst, «dass er ausgiebig getötet hatte». Ein gescheiter, wünscht die Mutter, doch mit merklich geringer Zuversicht.
Nach der Lektüre der Schilderungen des Ich-Erzählers Johann, der im Rückblick von 40 Jahren aus der Studentenzeit berichtet, zögert man, zu entscheiden, ob überhaupt eine der beiden Hoffnungen erfüllt worden ist.
22-jährig und bewusst noch Jungfrau
Der Österreicher Johann studiert in den 70er-Jahren in Marburg Germanistik und Politikwissenschaft, spielt Gitarre und will Dichter werden – genau wie Michael Köhlmeier. Der Autor weiss also, worüber er schreibt, wenn er die theorielastigen Studentendiskurse auf die Schippe nimmt.
Inmitten des freizügigen WG-Geschehens ist der 22-jährige Johann noch Jungfrau und hat auch keine Eile, das zu ändern. Doch dann lässt er sich, zuerst zögerlich, bald unweigerlich, in eine unheilvolle Dreiecksgeschichte hineinziehen.
Die Studentin Christiane, die mit Tommi seit dem Gymnasium, ja eigentlich schon seit den Doktorspielen im Kindergarten, zusammen ist, eröffnet ihrem Tutor Johann aus heiterem Himmel, sie wolle bei ihm einziehen. Zunächst noch desinteressiert, packt Johann bald die Neugier auf dieses sonderbare Angebot. Er wird zum Instrument, mit dem sich Christiane aus dem dunklen Loch ihrer symbiotischen Beziehung retten will.
Doch weder Liebe noch Lust gedeihen in dieser von Köhlmeier wunderbar spröde beschriebenen beklemmenden Zweisamkeit, die bald zur Dreisamkeit wird. Denn Tommi kommt allein nicht klar, und so zieht er halt mit ein und schläft am Fussende des Betts.
Schon bald bereut Johann, worauf er sich eingelassen hat. «Nachdem ich Christiane kennengelernt hatte, war meine Welt eng geworden.» Er gammelt in der Stadt herum, verguckt sich in eine 30-jährige Zahntechnikerin und sinniert darüber nach, wie er künftig sein Leben führen möchte. Wie landen die Menschen in ihrem Leben? «Wie viele Wege legen sie zurück und wissen doch erst im Rückblick, dass es Wege waren?»
Mordwunsch geht in Erfüllung
Längst fragt sich der Leser, wann es endlich knallt. Denn ein überdeutlicher Hinweis wird im Buch früh gegeben. Johann weiss schon als Sechsjähriger: «Einmal in meinem Leben möchte ich einen Mann töten.» Und tatsächlich wird sich die Prophezeiung erfüllen, und der Roman «Die Verdorbenen» schliesst nach den Episoden um verwirrte jugendliche Beziehungsgeschichten als Parabel über Schuld und über die entsetzliche Unerklärbarkeit des Bösen.
Buch
Michael Köhlmeier
Die Verdorbenen
160 Seiten
(Hanser 2025)