Sie kommt gerade vom Spaziergang mit dem Hund. Hinter ihr im Büro hängt noch das Plakat von ihrem letzten Film, den sie auch als Regisseurin verantwortete: «Die göttliche Ordnung» (2017), einer der erfolgreichsten Schweizer Spielfilme.
Jetzt doppelt Petra Volpe mit «Heldin» nach, einem Film, der schon lange in ihr «geköcherlet» habe, wie sie beim Videogespräch aus New York sagt. «Ich wohnte mit einer Pflegefachfrau zusammen und jobbte auch selber im Spital.» Dann habe sie den autobiografischen Roman «Unser Beruf ist nicht das Problem. Es sind die Umstände» von Madeline Calvelage gelesen – «so aufwühlend wie ein Thriller». Für Volpe war klar: «Die tägliche Schicht aus Sicht einer Pflegefachkraft – das ist der Film.»
Ziel war ein Film, der sich «sehr physisch anfühlt»
Während des Gesprächs macht ihr Laptop «bing, bing, bing». Es herrscht ein erhöhter E-Mail-Verkehr, da ihr Film im Februar an der Berlinale Premiere feiert. «Heldin» folgt einer Pflegefachfrau, der wegen personeller Unterbesetzung im Spital die Zeit davonläuft.
Gespielt wird sie von Leonie Benesch, die 2023 den Deutschen Filmpreis für «Das Lehrerzimmer» gewann. «Als ich sie beim Casting sah, wusste ich sofort: Das ist sie! Leonie hat eine tänzerische Herangehensweise, und ich wollte einen Film machen, der sich sehr physisch anfühlt.» Die Nebenfiguren seien dagegen so ausgewählt worden, «als wären es Menschen wie du und ich».
Was bei «Heldin» auffällt, ist die raffinierte Konstruktion. Eskalationsdramaturgie nennt es Volpe. Die Titelfigur entwickle sich nicht, sondern mache einfach ihren Job, wobei hinter jeder Tür ein neues Drama warte: «Jeder Patient will, dass sie lange bleibt. Sie aber muss so schnell, wie es geht, wieder weg.»
Für die Innendrehs habe man im Seespital Horgen einen leeren Trakt von Grund auf neu eingerichtet. «Der Film ist Fiktion, aber die Atmosphäre musste glaubhaft wirken» – auch und gerade für die involvierten Pflegefachkräfte. Der ultimative Realitätscheck, sozusagen.
«Die Berlinale war meine zweite Filmschule»
Apropos Realität: Bis in 15 Jahren werden in der Schweiz bis zu 40 000 Fachkräfte fehlen, heisst es im Film. Warum dieser Notstand? «Es ist eine Frage der Prioritätensetzung», sagt Volpe. «Profit steht an oberster Stelle. Dabei müssten gerade die, welche sich für die Schwächsten einsetzen, die höchste Anerkennung und Entlöhnung bekommen.» Leider sei aber auch die 2021 vom Volk angenommene Pflegeinitiative noch weit von ihrer Umsetzung entfernt.
«Bing, bing, bing.» Die Berlinale-Premiere rückt näher. Volpe kennt das Festival gut. «Als ich in Potsdam studierte, war die Berlinale quasi meine zweite Filmschule.» Dass sie nun mit einem eigenen Film am Festival präsent ist, sei für sie nichts weniger als ein Traum, der wahr geworden ist.
Heldin
Regie: Petra Volpe
CH/D 2025, 92 Minuten
Jetzt im Kino
Petra Volpes Kulturtipps
Film
Luca Guadagnino: Queer (2024)
«Ein Film über Einsamkeit und das tiefe menschliche Bedürfnis nach Verbindung und Liebe, das uns alle so verletzbar macht.»
Serie
Pachinko (Apple TV+)
«Geniale Roman-Adaption von Soo Hugh über das Leben einer koreanischen Familie, die vier Generationen umspannt. Visuell opulent und mit fantastischem Schauspielensemble.»
Buch
Elizabeth Strout: Tell Me Everything (Random House 2024)
«Ich bin gerade in einer Elizabeth-Strout-Phase und will alles von ihr lesen. Ihre Charaktere, allen voran die kratzbürstige Olive, sind komplex und vielschichtig. Auf einfühlsame und tiefgründige Weise beschreibt sie komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen.»