Grosse Aufregung im Londoner Kunstmuseum Tate Modern an der Themse: Ein Besucher, von Beruf Forensiker, entdeckt einen menschlichen Knochen in einer Skulptur. Das Objekt stammt von der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman. Hat sie das menschliche Teil einst absichtlich in ihr Werk eingebaut? Und falls ja, was bedeutet dies? Denn Chapmans liebestoller Gatte ist verschollen, bis dato fehlt jede Spur von ihm. So weit die fiktive Ausgangslage im neuen Roman von Paula Hawkins.
Die 52-Jährige ist eine gefragte Romanschreiberin. Sie wuchs in der britischen Oberschicht von Simbabwe auf und schloss ihre Studien an einem College in Oxford ab. Mit dem Roman «Girl on the Train» («Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich») machte sie sich einen Namen als brillante Erzählerin.
In ihrem neuen Buch erzählt Paula Hawkins von der exzentrischen Künstlerin Chapman, die allein auf einer einsamen schottischen Insel lebt. Die Örtlichkeit lässt sich nur während der Ebbe erreichen, was Chapman willkommene Distanz zu einer Welt verschafft, in der sie nicht zurechtgekommen ist.
Persiflage auf Tracey Emin und Damien Hirst
Nach ihrem Ableben ist ihre Freundin Grace in das Haus auf der Insel gezogen. Sie versucht energisch, die Vergangenheit Chapmans zu vernebeln.
Doch der offizielle Nachlassverwalter lässt nicht locker und dringt immer tiefer in das Leben der Künstlerin ein. Gleichzeitig leidet er unter persönlichen Konflikten, denn er steht in einem Dreiecksverhältnis zwischen seiner Frau und seinem besten Freund, der auch sein Arbeitgeber ist. All das droht dem Nachlassverwalter über den Kopf zu wachsen.
Hawkins hat mit dieser Geschichte mehr als einen Krimi geschrieben. «Die blaue Stunde» ist eine Persiflage auf den britischen Kunstbetrieb. So macht sie sich immer wieder lustig über Koryphäen wie Tracey Emin oder Damien Hirst.
Die Autorin veräppelt auch die Romantik schottischer Abgeschiedenheit, die im regnerischen Alltag mühsam sein kann. Vor allem aber amüsiert sie sich über die Wichtigtuerei im Galerie- und Museumsbetrieb, wo es weniger um Kunst und mehr um Geld und Ansehen geht.
Dieser Roman gehört zu den Büchern, die man nach den ersten paar Seiten nicht mehr weglegen kann. Zudem schwirrt einem die Handlung nach der Lektüre lange im Kopf herum. Beim nächsten Besuch in der Tate Modern achte man bei den Skulpturen jedenfalls genau auf Knochen. Man weiss ja nie.
Paula Hawkins
Die blaue Stunde
Aus dem Englischen von Birgit Schmitz
367 Seiten
(dtv 2025)