Fünf überdimensionale Tafeln prägen die Bühne des Theaters St. Gallen an diesem Probenachmittag. Dazwischen doziert ein Professor, die Studenten hängen an seinen Lippen. Nur einer hört nicht zu. Der junge Albert Einstein singt: «Ist der Äther schwerer oder leichter als Luft?»
Der Dozent zeigt kein Verständnis. «Sie scheinen ein Störenfried zu sein», sagt er und verdonnert ihn zum Putzen der Tafeln. «Die Thesen hier sind starr wie Stein», beschwert sich der Physikstudent, während er den Schwamm aufhebt und die Berechnungen wegwischt.
«Er gab nicht auf, obwohl ihn niemand ernst nahm»
«Einstein – A Matter of Time» heisst das neue Musical, in dem sich Regisseur Gil Mehmert und Komponist Frank Wildhorn der Lebensgeschichte des berühmten Physikers annehmen. Beim Gespräch nach der Probe erzählt Mehmert, was ihn an Albert Einstein fasziniert. «Er war an der Wahrheit interessiert und gab nicht auf, obwohl ihn zu Beginn niemand ernst nahm. Er stand zu seinen wissenschaftlichen und politischen Überzeugungen und kritisierte immer wieder den Nationalismus. Ich glaube, dass wir heute noch viel von Einstein lernen können.»
Die Biografie von Albert Einstein ist dicht und umspannt zwei Weltkriege. Zu viel Stoff für einen Abend. «Deshalb haben wir uns auf die wildeste Zeit vom Studienbeginn bis zur Anerkennung als Wissenschafter von Weltformat 23 Jahre später fokussiert», sagt Gil Mehmert. Die Auswanderung in die USA und Einsteins letzte Vorlesung in Princeton bekommen Platz in Prolog und Epilog.
Mehmert ist ein erfahrener Musical-Regisseur. Er inszenierte etwa «Das Wunder von Bern», «Wüstenblume» und «Jesus Christ Superstar», für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Bei «Einstein» setzt er auf ein Bühnenbild, das aufgrund der historischen Kostüme und der Metallbetten altmodisch wirkt, aber mit technischen Finessen überrascht. So sind die Tafeln mit versteckten Bildschirmen ausgestattet, über welche jeweils Bilder eingespielt werden. Die Hauptrolle spielt David Jakobs, der für Mehmert «wie ein Johnny Depp für Tim Burton» ist.
Von Pop und Rock bis Klassik
Mileva Marić, die erste Frau Einsteins, wird von Katia Bischoff gespielt. Die beiden lernen sich während des Studiums in Zürich kennen und freunden sich an. Aus Angst um ihre Karriere als Wissenschafterin will sie die Beziehung platonisch halten. Doch die beiden verlieben sich – auf Einsteins Fahrrad, mit dem sie wortwörtlich abheben.
Die musikalische Sprache der jungen Liebenden ist modern. Sie umkreisen einander mit poppigen Liedern, die manchmal sogar etwas Rockig-Rebellisches haben. Der grosse Gegenpol dazu ist der Heidelberger Professor Lenard (Jan-Philipp Rekeszus), dessen Soli klassisch-militärisch daherkommen und an Richard Wagner erinnern. «Forschung ist kein Babylon, sie braucht arische Raison», dröhnt Lenard.
Das Musical gibt Mileva Marićs Perspektive Raum. «Zumindest zu Beginn hatte sie als Partnerin auf Augenhöhe ihren Anteil an Einsteins Werk», sagt Mehmert. Sie tauschten sich über Theorien aus, und sie übernahm auch die eine oder andere Berechnung für ihn. Doch als der Kontakt körperlich wurde, entstand ein uneheliches Kind. Das war das Ende von Marićs wissenschaftlicher Karriere.
Und während er im Patentamt arbeitete und abends an seinen Aufsätzen schrieb, kümmerte sie sich um den Nachwuchs. «Meine Träume liess ich stehen für dich, eine Familie sind wir trotzdem nicht», fasst sie ihren Frust singend zusammen.
Beim Denken wird Einstein vom Licht umtänzelt
Als Einstein für eine Professur nach Prag zieht, zeigt die Inszenierung auch Humor auf der Metaebene. Denn niemand anderes als Franz Kafka beobachtet gemeinsam mit einem Freund den schlafenden Einstein. Sie fragen sich, was er wohl unter seinem Kittel hat und ob er vielleicht ein Käfer sei. «Wär das nicht ein Stoff für dich?», wird Kafka von seinem Freund gefragt, bevor die Szene endet.
In all dem Chaos zwischen Nationalismus, Karriere, Umzügen und Beziehung ist Einstein immer wieder allein. In solchen Momenten denkt er fieberhaft über das Verhältnis von Licht, Zeit und Raum nach: «Reise ich einem Blitz entgegen, dann muss ich ihn doch eher sehen», singt er. Dabei bekommt Einstein auf der Bühne Gesellschaft von einer Balletttänzerin, die ihn als «Licht», das ihm endlich aufgehen soll, spielerisch umtanzt.
Keine Vorkenntnisse in Mathematik nötig
Die Relativitätstheorie ist komplex. «Wenn nur die kommen dürften, die sie verstanden haben, bekämen wir nicht einmal die erste Reihe voll», meint Gil Mehmert. «Das Musical soll Einstein allen näherbringen.» Trotzdem wollte Mehmert zumindest eine Annäherung an Einsteins Werk einbetten. «Wir zeigen oberflächlich, was ihn beschäftigte, sodass auch diejenigen etwas davon mitnehmen können, die tiefer in der Materie sind.»
Eine kleine Perle für Physikfreunde hat Arrangeur Koen Schoots eingebaut: Um die Formel E = mc2 zum Klingen zu bringen, arbeitete er mit den Tönen e, mi (e) und c und übersetzte das Quadrat als Oktave. Mehmert lächelt. «Das merkt keiner, aber wir wissen es.»
Einstein – A Matter of Time
Premiere: Sa, 1.3., 19.00
Theater St. Gallen