Bestseller: Stolz und Vorurteile
Behzad Karim Khani schreibt in seinem Roman über die Überforderung und die Wut eines Migrantensohns, der im Ruhrpott aufwächst.
Inhalt
Kulturtipp 06/2025
Deborah von Wartburg
Wer verstehen will, warum Jugendliche an Silvester das Feuerwerk zu kleinen Strassenschlachten eskalieren lassen, wird mit diesem Buch ein wenig klüger. In «Als wir Schwäne waren» erzählt Behzad Karim Khani vom jungen Iraner Reza, der im Ruhrpott der 90er-Jahre gross wird, in «einem Land, in dem ‹Du bist Gast hier› eine Drohung ist».
Rezas Mutter ist Soziologin, der Vater Autor, beide froh, dem iranischen Regime entkommen zu sein,...
Wer verstehen will, warum Jugendliche an Silvester das Feuerwerk zu kleinen Strassenschlachten eskalieren lassen, wird mit diesem Buch ein wenig klüger. In «Als wir Schwäne waren» erzählt Behzad Karim Khani vom jungen Iraner Reza, der im Ruhrpott der 90er-Jahre gross wird, in «einem Land, in dem ‹Du bist Gast hier› eine Drohung ist».
Rezas Mutter ist Soziologin, der Vater Autor, beide froh, dem iranischen Regime entkommen zu sein, beide stolz. In Deutschland werden sie ausgegrenzt. Reza reagiert mit Abgrenzung – von den Deutschen und von den anderen Ausländern im Viertel. Khani beschreibt die Positionierungskämpfe präzise: «Vater glaubt, dass die Roma der Grund sind, weshalb wir jetzt das kleinere Übel für unsere deutschen Nachbarn darstellen, und dafür, dass sie uns jetzt hin und wieder grüssen, weshalb er die Deutschen zu verachten beginnt.»
Während Rezas Vater der Aussenwelt mit Haltung und Schweigen trotzt, reagiert der Sohn mit Wut. Er muss erst noch lernen, woraus er seinen Stolz ziehen kann, seine Heimat ist die Diaspora. Die Überforderung zeigt sich mal in einer Suche nach Nähe, mal in einer selten so frei zugegebenen Freude an Gewalt. Der Erzählstil ist fragmentarisch, die Stücke so kuratiert, dass ein differenziertes Bild entsteht und man mit Reza mitwächst.
Bei all der Schwere kommt auch der Humor nicht zu kurz. Etwa, wenn Reza über eine Bahnhofsgedenktafel nachdenkt, die in einer Kleinstadt angebracht wurde – «weil irgendwann im letzten Jahrhundert eine Strecke zwischen zwei anderen Städten eröffnet wurde und der erste Zug hier durchgefahren ist». Mit Liebe zum Detail beschreibt Khani, wie ein Eisenbahnliebhaber-Verein das Schild mit Rotkäppchensekt in Plastikgläsern feiert. «Bis heute macht mich dieses Schild fertig. Der Zug ist doch nur durchgefahren.»
Behzad Karim Khani
Als wir Schwäne waren
188 Seiten
(Hanser 2024)