Müsste ich die Räume meiner Kindheit zu Papier bringen, bräuchte ich Bleistift, Pinsel und orange Aquarellfarbe. Ich würde das Wohnzimmer meiner Eltern in einer Skizze andeuten: den Korpus mit den Schallplatten, die Fensterfront, die Dachterrasse draussen. Dann würde ich die Zeichnung orange lasieren – so, wie in meiner Erinnerung die Sommersonne das Wohnzimmer durch die Markisen mit einem orangen Schimmer überzog.
Mit den Erinnerungen an Räume unserer Kindheit beschäftigt sich auch das Projekt «Architecture of Memory». Die Künstlerin Sonja Elisabeth Fuchs und die beiden Architektinnen Clara Maria Puglisi und Elodie Habert luden 2022 erstmals Freunde und Bekannte dazu ein, solche Orte auf Papier zu bringen. Drei Jahre später ist daraus ein Ausstellungs- und Sammlungsprojekt geworden.
Skizzen, Installationen, Textil- und Videoarbeiten
Die Initiantinnen haben 56 Architektinnen und Künstler aus der Schweiz eingeladen, ihre Erinnerungen an Räume der Kindheit zu teilen. Diese Skizzen, Installationen, Textil- und Videoarbeiten kann man sich nun im Architekturforum Zürich ansehen.
Und was für eine Sammlung das geworden ist! Die marmorierte Papierarbeit «Immensee» von Livia Gnos erinnert an eine Holzmaserung. Eine Wandtäfelung? Heinrich Toews’ Arbeit «Frühstückseier» ist eine Mixed-Media-Assemblage aus Holz, Erde und Farbe. Ein verwitterter Zaun? Die kompakte Erde eines ausgetretenen Pfads? Die Fotoarbeit «Charlottenweg 17» von Daniela Keiser wiederum zeigt eine Szenerie mit Bahngleisen. Die Konzeptkünstlerin hat das Bild orange eingefärbt. Ein gleissend heller Sommer?
Erinnerungen mit Vollständigkeitsanspruch sind das kaum, viel eher Erinnerungsessenzen, in denen sich gefilterte Eindrücke und Emotionen auch mal zu abstrakten Farb- und Formenspielen verdichten. Und bisweilen gibt es auch Baumängel in den Erinnerungsgebilden. Liz Kuenekes Stickbild «My Childhood House» erweckt auf den ersten Blick den Eindruck von Präzision. Doch das Bild ist perspektivisch verzogen. Und die Bildlegenden offenbaren den kindlichen Blick der Kartografin auf Haus, Garten und Umland. Das hier ist eine Karte der magischen Spielwelten und kleinen Dramen, aber auch der begrenzten Horizonte.
... wie verschwommen und vage doch alles erscheint
Ähnlich verhält es sich mit «Mémo Gravé», der Gummi-Gravur eines Hauses von Marie-Aude Papin. Die Architektin vermengt darin die Darstellungsformen Grundriss und Querschnitt, stellt Gebäudeelemente unterschiedlich dick dar. Auch eine Erinnerung besteht aus tragenden und nicht tragenden Wänden.
Peter Roesch schliesslich bringt in einer schnellen Skizze das Atelier seines verstorbenen Vaters zu Papier. Arbeitstische, Sessel und Lampenschirme versprechen zunächst Vollständigkeit. Doch je länger man die Zeichnung anschaut, desto deutlicher fallen einem die sich überlagernden Bleistiftstriche auf – wie verschwommen und vage doch plötzlich alles erscheint ...
«Architecture of Memory» ist ein mehr als anregendes Ausstellungsprojekt geworden, das spannende Fragen aufwirft: Wie nehmen wir unsere gebaute Umwelt wahr? Wie erinnern wir uns an sie? Was passiert, wenn wir Erinnerungen erzählen oder gar zu Papier bringen? Im Architekturforum Zürich können sich die Besucher diesen Themen gleich selbst stellen, indem sie ihre eigenen Erinnerungen und Geschichten zeichnerisch festhalten. Damit sind jetzt Sie an der Reihe: Wie erinnern Sie sich an die Räume Ihrer Kindheit?
Architecture of Memory
Do, 13.3.–Sa, 26.4.
Architekturforum Zürich
www.af-z.ch